Kunstwettbewerb 2026
Aber … ist es wahr, dass die Hoffnung gestorben ist?
Vor 90 Jahren putschten rechte Nationalisten, Monarchisten und Teile des Militärs gegen die demokratisch gewählte Volksfrontregierung der Zweiten Spanischen Republik. Aus aller Welt kamen tausende Freiwillige nach Spanien, um die Republik zu verteidigen. Unter ihnen befanden sich Schriftsteller:innen, Künstler:innen, Arbeiter:innen, Fotograf:innen und politische Aktivist:innen.
Der Spanische Bürgerkrieg war nicht allein ein militärischer Konflikt, er war ein Kampf um Demokratie, soziale Gerechtigkeit und die Frage, wie eine andere Gesellschaft aussehen könnte. Viele Künstler:innen wie Ernest Hemingway, George Orwell, Gerda Taro oder Egon Erwin Kisch reagierten unmittelbar auf die Ereignisse – mit Fotografien, Gedichten, Filmen, Plakaten und Reportagen, die bis heute das Bild dieses Krieges prägen.
Vor diesem Hintergrund hat sich das Münzenberg Forum für die Grabinschrift von Lucía Sánchez Saornil, der spanischen Schriftstellerin, Anarchistin und Mitbegründerin der anarchistischen Organisation Mujeres Libres, die im Spanischen Bürgerkrieg gegen die Franquisten kämpften, als Motto entschieden.
Die Preisträger:innen
Nehmt Zeitungen, nehmt Scheren -Preis
1. Preis
Der erste Preis in dieser Kategorie geht in diesem Jahr gleich an drei Personen. Das Preisgeld beträgt jeweils 1.500 €.
Die erste Erstplatzierte ist Elmira Iravanizad. Ihre Arbeit untersucht das Spannungsfeld zwischen Verzweiflung und Hoffnung sowie die eng miteinander verwobenen Akte des Erinnerns, Hoffens und Widerstehens. Ausgehend von ihren persönlichen Erfahrungen mit politischer Repression im Iran, dem Erleben des Krieges 2025 und 2026 in Teheran sowie dem Miterleben des Massakers vom Januar 2026 aus der Ferne in Berlin entwickelt sie eine visuelle Sprache. Durch das Zusammenschichten von Bildern und bruchstückhaften Erzählungen thematisiert sie Trauma, politische Gewalt, Solidarität und Widerstandskraft. Dabei wird Hoffnung nicht als Optimismus verstanden, sondern als fragiler und beharrlicher Akt des Widerstands. Das Erinnern wird so selbst zu einer politischen Handlung.


Till another day I write again! lautet der Titel der Arbeit von Lina Both. Es sind zugleich die letzten Worte, die Tami Bassett, Aktivistin für queere Rechte und Sichtbarkeit in Kansas, USA, 1988 in ihrem Tagebuch niederschrieb. Die Collagenserie orientiert sich an der Purple Coneflower, einer im Mittleren Westen der USA heimischen Blume. Die Stoffstreifen stehen für die typischerweise herunterhängenden Blütenblätter und wurden mit Material aus Bassetts Archiv collagiert. Textausschnitte wurden aufgebügelt, Zitate aus dem Tagebuch und aus Texten Bassetts aufgestickt. Sechs kurze Gedichte – basierend auf den letzten sechs Worten des Tagebucheintrags – wurden in die Collagen integriert. Die Gedichte orientieren sich an aktuellen intersektionalen feministischen und philosophischen Konzepten und sprechen von Existenz in der Dunkelheit, Hoffnung und Freiheit.


Auch Maryna Shtanko zählt mit ihrem Projekt Traces of Memory zu den Preisträger. Shtanko ist Gewinner unseres Kunstwettbewerbs 2023 und war Teil der Collage-Jury 2025. Die Collagenserie verbindet Fotografie mit Textil. Ausgehend von persönlichen und kollektiven Erinnerungen erforscht die Arbeit, wie Fotografien nicht nur dokumentarische Beweise, sondern auch Ausgangspunkte für subjektive Erinnerung werden können. Ein Tisch mit einem Familienessen im Garten des Hauses verweist auf die Geschichte der Künstlerin, zugleich aber auch auf eine Tradition, die viele ukrainische Familien miteinander verbindet. Eine zweite Ebene entsteht durch die Verwendung von Stickerei. Sie gibt dem Unsichtbaren eine Form: Erinnerungen, imaginierte Elemente und emotionale Spuren, die mit einem Ort verbunden sind. Das Verweben mit Fäden spiegelt die Art wider, wie Erinnerungen sich verändern und dennoch fortbestehen. Die Verwendung von Stickerei ist zudem eng mit der ukrainischen Kultur verbunden. Durch die Verbindung von Fotografie und Textil entsteht ein Dialog zwischen Sichtbarem und Unsichtbarem, zwischen dokumentierter Realität und persönlicher Erinnerung. Die Arbeit versteht Erinnerung als eine Form des Widerstands gegen das Verschwinden von Menschen, Orten und Geschichten, die durch Gewalt bedroht sind.


2. Preis
Eine lobende Erwähnung mit einem Preisgeld von 500€ geht an Gabriela Lesmes López. Ihre drei prämierten Werke setzen sich mit dem Verhältnis von Macht, Widerstand und Überleben auseinander. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie sich Leben unter feindlichen Bedingungen behaupten kann, insbesondere dann, wenn Sichtbarkeit gefährlich ist und Anpassung, Verwandlung oder Verborgenheit notwendig werden.Dabei nähern sich die Arbeiten dem Thema aus unterschiedlichen Perspektiven: Das eine Werk findet die Antwort in der Biologie: ein Körper, der sich vollständig auflösen muss, bevor er weitermachen kann. Das andere in der Sprache: ein einziges Symbol, das von einer Autorität ausgesprochen wird und ein Leben still verschließt, bevor es überhaupt begonnen hat. Das dritte in der alltäglichen Verhandlung queerer Existenz: dem Passing, dem Verbergen, der Aggressivität, die zugleich Zärtlichkeit ist.Was sie verbindet, ist nicht das Sujet, sondern die Struktur.


Foto als Waffe -Preis
1. Preis
In der Kategorie Fotografie teilen sich gleich fünf Arbeiten den ersten Preis. Gewonnen haben Jonas Feige, Takeki Hayashida, Louisa Boeszoermeny, Cedric Fernández Fernández und mily meyer. Alle erhalten jeweils ein Preisgeld von 1.000 €.
Besuch heißt die Fotoserie von Jonas Feige. Sie erzählt von Jorge Semprún, der im Spanischen Bürgerkrieg als Kind aus Madrid vertrieben wurde. Im französischen Exil schloss er sich als Student der kommunistischen Résistance an und wurde im Januar 1944 nach Buchenwald deportiert. Er überlebte den Ort und arbeitete als Schriftsteller sein Leben lang an der Frage, ob sich weitergeben lässt, was dort geschehen ist. Achtzig Jahre später ist Buchenwald das Ziel unzähliger Klassenfahrten und ein Besuch ehemaliger Konzentrationslager fester Bestandteil der deutschen Erinnerungskultur. Was diese zur Tradition gewordenen Besuche bewirken, ist heute von verschiedenen Seiten umstritten. Und doch zeugen die Fotografien von der Hoffnung, dass sich durch die Weitergabe von Wissen eine Wiederholung dessen verhindern lässt, was hier einst geschah.


Das Werk Aber die Landschaft ist noch schön von Takeki Hayashida entstand in der Auseinandersetzung mit dem Leben von Käthe Kollwitz. Trotz ihres großen Beitrags zum Frieden erlebte Kollwitz zwei Weltkriege, in denen sie ihr eigenes Kind sowie ihren Enkel verlor. Hayashida stellte sich die Frage, wie sie ihre letzten Tage im Krieg verbrachte, als er über die heutige Weltlage reflektierte. Der Inhalt ihrer Tagebucheinträge sowie Briefe aus jener Zeit gaben Unerwartetes preis. Trotz der Gräuel und der Millionen Toten fand Käthe Kollwitz die Kraft, in Kleinigkeiten des Alltags, Besuchen und Nachrichten von Geliebten Freude und Dankbarkeit zu empfinden: etwas, das wir niemals vergessen dürfen, wenn der Pazifismus am Leben erhalten bleiben soll. Die auf dem Weg nach Moritzburg aufgenommene sommerliche Landschaft soll uns einerseits an Kollwitz’ letzten kriegsbedingten Umzug denken lassen und bringt andererseits die positiven Gefühle des Künstlers gegenüber der mitteleuropäischen idyllischen Landschaft zum Ausdruck, die zugleich Liebe und Angst in sich trägt.


Die Portraits der Serie gema von Louisa Boeszoermeny sind in den privaten Wohnräumen von Einwohner Lissabons entstanden. Die Protagonist leben unter oft prekären Umständen in den Randbezirken eines Lissabons, das in kürzester Zeit eine massive Gentrifizierung erfahren hat. Der portugiesische Begriff gema bezeichnet sowohl Eigelb als auch Juwel und verweist damit auf Innerlichkeit, fluide Identitäten und die Wertschätzung der im Projekt entstandenen Verbindungen. In einer Zeit, die von Fragmentierung und sich wandelnden sozialen Paradigmen gekennzeichnet ist, wird die Forderung nach Verbundenheit über sichtbare und verborgene Grenzen hinweg immer relevanter. Einladungen in unbekannte Räume bieten die Möglichkeit, neue Allianzen zu schmieden und aufmerksames Zuhören zu kultivieren, wodurch eine Neukonzeption von Gemeinschaft und gemeinsamem Leben denkbar wird.


Cedric Fernández Fernández untersucht mit No Longer / Not Yet die Zwischenwelt des ländlichen Spaniens. Es sind Orte, die weder verlassen noch belebt, weder Vergangenheit noch Gegenwart sind. Sie befinden sich in einem Übergang. Es sind Orte, an denen Geschichte nicht als Denkmal erscheint, sondern sich in Gebäuden, Straßen, landwirtschaftlichen Strukturen und öffentlichen Räumen eingeschrieben hat. Ehemalige Kooperativen, leerstehende Wohnhäuser oder gemeinschaftlich genutzte Infrastrukturen verweisen auf Lebensformen, die über Generationen Bestand hatten und heute zunehmend verschwinden. Mit diesem Wandel geht weit mehr verloren als bauliche Substanz. Wenn Dörfer ihre Bewohner verlieren, geraten auch lokale Traditionen, handwerkliches Wissen, soziale Netzwerke und kulturelle Identitäten in Vergessenheit. Die Fotografien verstehen diesen Verlust nicht als nostalgische Erzählung, sondern als gegenwärtigen gesellschaftlichen Prozess, dessen Spuren bis heute sichtbar sind.


Mily Meyer Bilderserie heißt Fight Mentality, British Pathé, Krav Maga Barcelona, Fight Mentality, British Pathé, Janice Hung, Sportschule DEFCONⓇ Leipzig. Es sind die Namen von YouTube Kanäle, auf denen Selbstverteidigungsvideos für Frauen angeboten werden. Allen Filmen ist gemein, dass sie Symptom eines patriarchalen Systems sind. Dass Frauen seit den 1920ern diese Filme kennen zeigt, dass sich an der Bedrohung ihnen gegenüber wenig geändert hat. Meyer abstrahiert die Bilder, indem sie die Posen aus den einzelnen Griffen einfriert. Damit werden sie uneindeutig und schweben zwischen Gewalt, Abwehr und Tanz. Entstanden sind über 60 Posen. Die Menge ist dabei auch der Idee verschrieben, dass sich die Künstler:in selbst nützliche Taktiken aneignet. Das Wehrhafte darin bekommt einen doppelten Boden mit der derzeitigen staatlichen Militarisierung und den Indoktrinierungsversuchen der Bundeswehr.


Erobert den Film -Preis
1. Preis
Die Gewinner:in in der Kategorie Film ist Rosali Schaum. Der Kurzfilm Schaum verbindet die Kriegserfahrungen der Großeltern mit der Gegenwart ihrer Enkel. Während auf der Tonebene die Geschichte der Großmutter aus dem Zweiten Weltkrieg erzählt wird, zeigen die Bilder ihre heute aufwachsenden Brüder. Die persönliche Familiengeschichte trifft auf die aktuelle Debatte um Wehrpflicht, Krieg und den Aufstieg rechter Parteien und stellt die Frage, wie solche Entwicklungen angesichts dieser Vergangenheit heute noch möglich sind. Das Preisgeld beträgt 3.000 €.
2. Preis
Der geteilte zweite Platz geht in diesem Jahr an Katia Sophia Ditzler und Realillusion. Beide erhalten jeweils ein Preisgeld von 1.000€.
Fliederblüte heißt der Film von Katia Sophia Ditzler. Es ist ein Essayfilm über Wahrnehmung unter den Bedingungen ideologischer Sättigung. Der Film spielt im späten Frühjahr in Moskau und bewegt sich durch eine Stadt, die ruhig, kultiviert und beinahe zärtlich erscheint, zugleich aber von Militarisierung, Propaganda und historischer Mythenbildung durchdrungen ist. Die Fliederblüte, fragil, duftend, kurzlebig, fungiert dabei sowohl als Motiv als auch als Gegenbild. Der Film ist als subjektiver Dokumentarfilm angelegt und verbindet beobachtende Aufnahmen, Fragmente des städtischen Lebens und einen reflektierenden Off-Kommentar. Die Sprecherstimme versucht weder, Russland zu erklären, noch aus sicherer Distanz zu moralisieren. Stattdessen zeichnet sie einen Zustand des Daseins im Widerspruch von Zuneigung und Entfremdung, Vertrautheit und Unbehagen, Nostalgie und Alarm nach.
Den zweiten Platz konnte Realillusion ergattern. Dahinter stehen Mehrad Sepahnia und Atefeh Kheirabadi. Ihr Film Blind, ins Auge erzählt von einer Gewalt, die nicht nur den Körper trifft, sondern auch den Blick. Während der Proteste im Iran 2022/23 wurden Demonstrierende gezielt in die Augen geschossen. Es war ein Angriff auf ihre Sichtbarkeit und auf ihre Möglichkeit, Zeugnis abzulegen. Der Film nimmt diese Bilder zum Ausgangspunkt, um nach der politischen Kraft von Bildern zu fragen: Wer darf gesehen werden? Welche Bilder überdauern Zensur, Löschung und Repression? Und welche Geschichten schreiben sich in sie ein? Dabei verweist er über die Proteste im Iran hinaus. In den vergangenen Jahren wurden Demonstrierende unter anderem in Chile, Ägypten, Palästina, Frankreich und der Schweiz durch sogenannte weniger tödliche Waffen wie Gummigeschosse, Paintballs oder Tränengaskanister schwer verletzt – vielfach auch an den Augen. Der Film besteht aus Found-Footage-Material, persönlichen Archiven, Zeugnissen betroffener Personen und experimentellen filmischen Fragmenten. Die Aufnahmen der Verletzten dokumentieren nicht nur Gewalt; sie bezeugen zugleich den Mut derjenigen, die trotz Gefahr weiter filmten. Das Bild selbst wird dabei zu einem Ort des Widerstands. Es bewahrt, was ausgelöscht werden soll, und eröffnet einen Raum für Gegen-Erzählungen.
