Die Gewinner*innen des Kunstwettbewerbs 2025
Zum 100. Geburtstag des bekannten Filmemachers Konrad Wolf, haben wir unseren Kunstwettbewerb unter das Motto „Der Krieg beginnt nicht mit dem ersten Schuss“ gestellt. Mit diesem Leitgedanken forderten wir junge Künstler:innen dazu auf, sich kritisch-künstlerisch mit den gesellschaftlichen Krisen unserer Zeit auseinanderzusetzen – vom drohenden Rechtsruck über Grenzen und Flucht bis zur Klimakrise und dem Erhalt demokratischer Werte. Wir präsentieren hier die Gewinner:innen und ihre Arbeiten, die von unserer Jury bestimmt wurden.
Benütze Foto als Waffe!
1. Preis
Platz Nummer eins in der Kategorie Fotografie geht an Jan Lessmann und seine Arbeit Gebrauchsgegenstände. Das Werk, bestehend aus einer Vielzahl von Einzelbildern, zeigt Angebotsfotos von Online-Auktionsplattformen wie etwa eBay. Diese digitalen Marktplätze fungieren als kollektive Bildarchive, die einen Einblick in die Lebensrealitäten der Menschen geben, die dort Objekte verkaufen. Die auf den Einzelaufnahmen dargestellten Gegenstände „re-enacten“ Tatwaffen rechter Morde in Deutschland zwischen 1990 und 2023. Die stringente, serielle Anordnung der Bilder in einem Raster lenkt den Blick weg von den Einzelfällen hin zu den bestehenden Strukturen und Vernetzungen. Durch die Sammlung und Re-Kontextualisierung der Gegenstände wird offengelegt, wie tief rechte Gewalt in das alltägliche Leben eingeschrieben ist. Für diese Arbeit erhält Lessmann ein Preisgeld von 2.000 €.
2. Preis
Den zweiten Platz in dieser Kategorie teilen sich mit Esper Postma, Steffen Ullrich und Elinor Zoë Karl gleich drei Fotograf:innen. Ihr Preisgeld beträgt jeweils 1.000 €.
Esper Postma thematisiert mit in ihrer Arbeit Memory Games, wie Ideologie in den Alltag hineinwirkt. Mithilfe von Drohnenaufnahmen zeigt das Projekt Menschen beim Freizeitsport auf dem Foro Italico in Rom. Der Platz, einst von Mussolini erbaut und auch nach ihm benannt, diente zur Vorbereitung auf den Krieg und ist heute ein beliebter Treffpunkt. Die aufgenommenen Fotos konfrontieren scheinbar harmlose Bewegungen mit den faschistischen Bildmustern im Bodenmosaik und machen sichtbar, wie Geschichte in den Raum eingeschrieben bleibt. In Zeiten von Militarismus, Flüchtlingskrisen und rechter Politik versteht sich Memory Games als künstlerische Intervention: Es fordert Betrachter:innen auf, ihre eigene Verstrickung in historische Kontinuitäten zu erkennen.
Die Arbeit Folge deiner Einberufung von Steffen Ullrich setzt sich mit der aktuellen Diskussion um die Wiedereinführung der Wehrpflicht auseinander. Im Zentrum stehen Porträts von Jugendlichen und jungen Erwachsenen im sogenannten wehrpflichtigen Alter, die im Falle einer politischen Entscheidung direkt betroffen wären. Den stillen, eindringlichen Aufnahmen wird Archivmaterial aus dem Nachlass der Urgroßeltern gegenübergestellt, die den Zweiten Weltkrieg miterlebt haben. So verknüpft die Arbeit persönliche Erinnerungen mit gegenwärtigen gesellschaftlichen Fragen und thematisiert die Kontinuität von Verantwortung, Erinnerung und politischem Handeln.
Die dritte zweitplatzierte Gewinnerin ist Elinor Zoë Karl. Ihre Arbeit Heiteres aus Kamerun greift auf koloniale Fotografien aus dem Bundesarchiv zurück, die deutsche Kolonialisten in Kamerun zwischen 1884 und 1919 zeigen. Diese Bilder dienten der exotisierenden Darstellung und der Selbstinszenierung der Kolonialherren. Karl zerschneidet, überlagert und verwebt die Fotografien neu. Es entsteht ein fragmentiertes Geflecht, das die Illusion fotografischer Objektivität bricht und die koloniale Gewalt sichtbar macht. Die Arbeit verdeutlicht, dass koloniale Herrschaft nicht erst mit militärischer Gewalt begann, sondern ideologisch, kulturell und visuell vorbereitet wurde. Kolonialgeschichte endete mit diesen Fotografien jedoch nicht, sondern wirkt bis heute nach. Die Collage verfolgt daher zwei Ziele: die verdrängte deutsche Kolonialgeschichte sichtbar zu machen und zugleich die Selbstinszenierung der Kolonialisten zu dekonstruieren, indem ihre Bilder fragmentiert und ihrer Autorität beraubt werden. Elinor Zoë Karl hat mit dieser Arbeit auch in der Kategorie Collage gewonnen (siehe unten).
ERORBERT DEN FILM!
1. Preis
In der Kategorie Film haben wir mit Luise Fiedler und Timon Ott gleich zwei Gewinner:innen. Beide erhalten jeweils ein Preisgeld von 2.000 €
Der Animationsfilm Flächendecken von Luise Fiedler thematisiert die Verlagerung von Verantwortung durch symbolische Gesten angesichts globaler Krisen. Während die Aufmerksamkeit der westlichen Welt auf medial präsente Konflikte gerichtet ist, bleiben viele andere Schauplätze von Hunger, Gewalt und Krieg im Schatten. Der Film kombiniert rotoskopierte Gewaltszenen mit reflexiven Kommentaren und macht sichtbar, wie Ignoranz, Gleichgültigkeit und moralische Selbstentlastung die Grundlage für kriegerische Entwicklungen bilden. Die Ästhetik verweigert die übliche mediale Distanz und fordert ein kritisches Bewusstsein für die tieferliegenden Ursachen von Gewalt.
(Luise Fiedler, Flächendecken, 7 min, Animationsfilm)
Ebenfalls mit dem ersten Platz ausgezeichnet wurde Timon Ott. Sein Film Die Uniformierten begleitet junge Rekrut*innen der Bundeswehr in den ersten Wochen ihrer Grundausbildung und zeigt ein System aus Disziplin, Gruppendruck und ritualisierter Ordnung. Erzählt aus der Perspektive des 18-jährigen Frederick, der sich für 17 Jahre verpflichtet hat, werden alltägliche Momente beobachtet, in denen sich seine Persönlichkeit zwischen Anpassung und individueller Haltung formt. Vor dem Hintergrund aktueller gesellschaftlicher Debatten über Aufrüstung und Sicherheitspolitik beleuchtet der Film, wie früh Prägungen entstehen, lange bevor offene Konflikte beginnen, und schafft einen Raum für Reflexion und Irritation.
(Timon Ott, Die Uniformierten, 1 min, Trailer)
2. Preis
Der geteilte zweite Platz geht in diesem Jahr an Fariba Buchheim und Benjamin Hujawa. Beide erhalten ein Preisgeld von 500 €.
A war i`ve never seen von Fariba Buchheim handelt von einer Reanactment Gruppe die Schlachten des zweiten Weltkrieges in Frankreich nachspielt. Im Mittelpunkt steht Julia, eine junge Frau, gebürtig aus Russland, die sich als deutsche Flakhelferin der 1940er-Jahre inszeniert. In einer selbstgeschaffenen Welt verkörpert sie eine Figur, die im Zweiten Weltkrieg gelebt haben soll – samt Uniform, Habitus und einem detailverliebten Alltag. Auch ihr Lebenspartner Julien, ebenfalls Teil der Reenactment-Szene, verinnerlicht den Charakter eines Wehrmachtssoldaten. Die Inszenierung des Paares findet dabei nicht nur in Gedenkstätten und auf dem Schlachtfeld statt, sondern auch im Privaten. Julia behauptet, die NS-Ideologie von ihrem Reenactment zu trennen. Doch gelingt ihr das wirklich? Und wie kann man sich der Vergangenheit stellen, die dunkelste Zeit unserer Weltgeschichte ästhetisieren, ohne sich mit der Ideologie auseinanderzusetzen?
(Fariba Buchheim, A war i`ve never seen, 2 min, Trailer)
Der Film Aus der Ferne von Benjamin Hujawa handelt von Anna. In Deutschland geboren, hat sie ein distanziertes Verhältnis zu ihrem Vater Hung und dessen Heimat Vietnam. Als sie eine Dokumentation entdeckt, in der ihr Vater über die rassistischen Ausschreitungen 1992 in Rostock-Lichtenhagen berichtet, wird sie erstmals mit seiner Kultur, Geschichte und ihren eigenen Gefühlen zu ihm konfrontiert.
(Benjamin Hujawa, Aus der Ferne, 1 min, Trailer)
NEHMT SCHEREN!
1. Preis
Der erste Platz geht an Moritz Becker und seine Collagenserie Ewig kann nicht Winter sein. Die Arbeit entwickelt eine vielschichtige Analyse politischer Gewalt. Pressefotografien rechter Gewalt nach 1945 werden mit zeitgenössischen Dokumentationen zu einem dichten Netzwerk historischer Kontinuitäten verwoben. Bilder politisch aufgeladener Orte – wie der Parkplatz des NSU-Wohnmobils, die Straßen von Rostock-Lichtenhagen oder der Garagenkomplex in Jena, in dem Adresslisten und Bomben des NSU gefunden wurden – verschmelzen mit architektonischen Plänen nationalsozialistischer Bauten zu einer visuellen Untersuchung deutscher Gewaltgeschichte. Die Arbeiten kombinieren diese dokumentarischen Fragmente mit Pressetextauszügen sowie Abbildungen öffentlicher Persönlichkeiten verschiedener Epochen. Auf diese Weise stellt die Serie die komplexen Verflechtungen zwischen historischen und zeitgenössischen Formen rechter Gewalt und ihrer Kontinuität dar. Das Preisgeld beträgt 2.000 €.
2. Preis
Zweitplatzierten in unserem Collagewettbewerb ist Sasha Kurmaz mit seinen Collagen Red Horse. Er erhält ein Preisgeld in Höhe von 1.500 €. Das Projekt begann 2022 als persönliches Tagebuch nach der Invasion in der Ukraine. Mithilfe von Collagen, Fotografie, Notizen und Fundstücken dokumentiert der Künstler den Alltag unter Kriegsbedingungen und schafft so ein persönliches wie historisches Zeitdokument. Darüber hinaus reflektiert die Arbeit grundlegende Fragen: Welche Rolle spielt Kunst im Krieg, kann sie Kriegserfahrungen vermitteln und Gewalt widerstehen? Die Serie umfasst derzeit über 450 Werke und wächst kontinuierlich.
3. Preis
Ein geteilte dritte Platz und jeweils 600 € Preisgeld gehen an Younghyun Min und Lena-Maria Stupitzky.
In der Serie Identität – Cheorwon Calling verarbeitet Younghyun Min die Erfahrungen während seines Militärdienstes in der demilitarisierten Zone zwischen Nord- und Südkorea (2009–2011). Geprägt von ideologischen Spannungen, familiären Prägungen und der Konfrontation mit Kriegsspuren reflektiert die Arbeit über Erinnerung, Identität und Vergänglichkeit. Angestoßen durch den Krieg in der Ukraine rückten persönliche Erinnerungen an Wachdienste im Bunker, an Bedrohung und zugleich an die Schönheit der unberührten Natur erneut in den Fokus. In großformatigen Zeichnungen mit Acryl, Tusche und Collage-Techniken übersetzt die Serie diese Erlebnisse in eine visuelle Sprache und macht sichtbar, wie kollektive und persönliche Geschichte miteinander verwoben sind.
Das Projekt Tentakuläre Landwirtschaft – Die Flurbeunruhigung von Lena-Maria Stupitzky untersucht die Folgen der Flurbereinigung in Bayern seit den 1950er-Jahren, die ursprünglich als Friedensmaßnahme gegen Hunger gedacht war, heute jedoch massive ökologische, kulturelle und soziale Schäden sichtbar macht – von Biodiversitätsverlust bis zum Verschwinden kleiner Betriebe. Im Rückgriff auf historische Linien von der Bauernbefreiung 1848 über den Grünen Plan bis zur Gemeinsamen Agrarpolitik zeigt die Arbeit, wie politische Entscheidungen, ökonomische Interessen und Machtstrukturen Landschaften und Lebensgrundlagen prägen. Inspiriert von Donna Haraways „Tentacular Thinking“ entwickelt das Projekt den Begriff der „tentakulären Landwirtschaft“ als Gegenmodell: eine Flurbeunruhigung, die neue ökologische Verbindungen und kollektive Verantwortung betont.
Lobende Erwähnung
Elinor Zoë Karl erhält für ihre Arbeit Heiteres aus Kamerun, die auch den zweiten Platz in der Kategorie Fotografie belegt hat (siehe oben), in dieser Kategorie eine lobende Erwähnung und ein Preisgeld von 300 €.
Wir freuen uns über die Auswahl der Jury und gratulieren herzlichst allen Gewinner:innen.
Titelbild:
A War I’ve Never Seen ©NOZY Films GmbH / HFF München
